Wiener Straße 95 (verlegt 2011, erneuert 2015)

Max Stössel

Zweimal freigekommen

Geboren 16.5.1902 in Wiener Neustadt, verheiratet;
Deportation 25.6.1938 nach Dachau – 1938/39 Buchenwald, Drancy? – 1942 Auschwitz, gestorben 1944.

Max Stössel

Max Stössel

Mit Willkürakten wurden die jüdischen Einwohner bereits in der ersten Zeit der Nazi-Herrschaft drang-saliert und schikaniert, womit ihre Auswanderung erzwungen werden sollte. Wer das – etwa aus Rücksicht auf seine Familie – nicht tat, der riskierte sein Leben.

Max Stössel wurde damals festgenommen, in das KZ Dachau und schließlich nach Buchenwald deportiert. Er hatte die Möglichkeit, freizukommen, musste aber seine unmittelbar bevorstehende Ausreise nachweisen. Nun bemühte sich seine Gattin, ein Reisebüro zu finden, das um teures Geld eine Schein-buchung vornahm. Pass und Reisepapiere musste sie nach Buchenwald schicken. Dort wurden sie geprüft, und Max Stössel wurde ein Jahr später – zwecks Ausreise – tatsächlich enthaftet. Aber er musste sich ständig bei der Polizei melden, und da er nicht ausreiste, hielt man ihn eines Tages im Polizeigefangenenhaus fest und teilte der Gattin mit, dass er wieder nach Dachau gebracht werde, wenn er nicht binnen weniger Tage ausreise.

Noch einmal lief die Frau zu verschiedenen Reisebüros, bis es ihr gelang, Ausreisepapiere nach Shanghai zu erhalten. Und noch einmal ging Max Stössel frei. Diesmal begab er sich sofort nach Mailand, wohin ihm sein Sohn folgte und seine Gattin nachkommen sollte, was durch den Kriegsausbruch und die Schließung der Grenzen jedoch verhindert wurde. Max Stössel und sein Sohn gingen nun auf Schleichpfaden über die Grenze nach Frankreich, wo sie vorerst in den Lagern Gurs und Drancy interniert wurden, dann aber nach Lyon kamen. Dort wurde Max Stössel von der deutschen Polizei – Frankreich war inzwischen von der Wehrmacht besetzt worden – aufgegriffen und in das Konzentrationslager Auschwitz gebracht. Die SS, aus deren Klauen er sich zweimal freimachen konnte, hatte ihm dieses Mal keine Überlebenschance mehr gegeben.

Julius, der Sohn von Max Stössel, konnte sich noch in Frankreich halten, wurde aber 1944 ebenfalls nach Auschwitz deportiert. Seinen Vater konnte er dort nicht mehr finden. Knapp vor der Befreiung des Lagers Auschwitz durch die Rote Armee wurde Julius mit einem großen Häftlingstransport ins KZ Buchenwald deportiert und erlangte dort durch die Befreiungsaktion der Häftlinge am 11.4.1945 die Freiheit.

nach „Widerstand im Gebiet Wiener Neustadt 1938 bis 1945“ von Karl Flanner.