Martinsgasse 8 (verlegt 2011)

Heinrich Gerstl

Knapp vor der Freiheit an Typhus gestorben

Heinrich Gerstl

Heinrich Gerstl

Heinrich Gerstl, geb. 24.7.1880 in Neufeld/Leitha, Kaufmann;
Am 4.9.1940 illegale Ausreise nach Palästina; Haifa, Erkrankung an Typhus, gestorben am 10.12.1940 im britischen Internierungslager in Atlit.
Gattin Paula und die vier Töchter Ella, Gertrude, Herta und Gisela überlebten im Exil in Palästina.

Unser Vater Heinrich (Aron) Gerstl wurde am 24.7.1880 geboren. Seine Eltern Jacob und Marie stammten aus Neufeld an der Leitha. Nach Heinrich wurden noch zwei Schwestern geboren, die leider mit ihren Familien in der Schoah umgekommen sind. Unser Vater hat in Neufeld die Volksschule besucht und ist dann in die Handelsschule nach Wien gekommen. Nach Abschluss der Schule ist er wieder nach Neufeld zurückgekehrt, um mit seinen Eltern im Geschäft zu arbeiten. Diese betrieben ein Kurzwarengeschäft.

Im Jahre 1912 oder 1913 heiratete Vater Pauline Winkler aus Hochwolkersdorf und im Jahr 1914 wurde unsere ältere Schwester Elli geboren.

Im selben Jahr wurde Vater zum Militär (Erster Weltkrieg) eingezogen und arbeitete bis Ende des Krieges in einer Munitionsfabrik in Wöllersdorf.

Unser Vater eröffnete nun in Wiener Neustadt ein Geschäft mit Schnittwaren wie Bettwäsche, Konfektion und vielem mehr. Im Jahre 1933 kaufte er das Haus in der Martinsgasse 8, da sich inzwischen die Familie vergrößert hatte. Wir beide, Gertrude (geb.1927) und Herta (geb. 1929) kamen hinzu. Die Wohnung in der Bahngasse (im Bürgerhof) hatte nur zwei Zimmer und so war es notwendig, eine größere Wohnung zu beziehen.

Nun kam die Nazizeit, die alles veränderte. Im Jahre 1936 passierte es, dass die Nazis eines Nachts die Fenster in unserem Haus einschlugen. Es war der Sohn von einer guten Kundschaft, die uns Geld schuldig war. Fast hätte der große Stein meine Schwester erschlagen. Dem Täter passierte nichts. Ein Jahr später hat man uns eine Bombe in den Garten geworfen, worauf alle Fenster im Haus zerbrachen.

Kurz danach kamen SS-Leute und wollten das Speisezimmer konfiszieren. Als man nicht sofort öffnete, hat man die Türe eingeschlagen und unser Vater wurde verhaftet. Er war zuerst im Rathaus in Einzelhaft und wurde dann ins Kreisgericht überstellt. Als er nach vier Wochen herauskam, war er kaum wieder zu erkennen. Dann wurden auch die Verwandten aus der Provinz verjagt, worauf wir zwei Familien bei uns aufgenommen haben.

Am 10.11.1938 kamen dann die Nazis und holten uns vom Haus ab. Ohne irgendetwas mitnehmen zu dürfen wurden die Frauen und Kinder im Tempel und die Männer im Kreisgericht eingesperrt. Dort mussten wir auf Stroh schlafen und blieben ohne Essen oder Trinken. Wer von den Frauen Hausbesitzerin war, wurde zur Gestapo gerufen, um den Besitz der Gestapo zu überschreiben – Häuser, Geschäfte oder sonstigen Besitz. Wer dies nicht tat, wurde halb tot geschlagen. Nach einer Woche hat man alle jüdischen Einwohner von Wiener Neustadt nach Wien überführt. Wir fanden in Wien Unterschlupf bei Familie Jaul. Dort lebten wir drei Familien in einer Wohnung mit drei Zimmern bis 1940.

Am 4.9.1940 traten wir alle zusammen die illegale Reise nach Palästina an. Wir waren drei Monate unter schrecklichen Bedingungen unterwegs . Als wir in Haifa ankamen, war unser Vater bereits an Typhus erkrankt. Man brachte ihn nach einer Woche nach Atlit in ein britisches Internierungslager, wo er am 10.12.1940 seiner Krankheit erlag und verstarb.

Unser Haus in der Martinsgasse 8 bezog der erste Kommandant der Nazis. Nachdem die Nazis abzogen, kamen die Kommunisten und wieder war es der erste Kommandant, der unser Haus bezog.

Wir beide leben bis heute verheiratet in Israel.

Yehudit Winkler und Miriam Yaron ( Töchter von Heinrich Gerstl)