Mießlgasse 43 (verlegt 2010, erneuert 2015)

Helga Pauer

In den Fängen des Dr. Gross

Geboren am 7.7.1939 in Graz, Übersiedlung der Familie nach Wiener Neustadt, am 17.6.1941 Einweisung in die Kinderfachabteilung „Am Spiegelgrund“, am 18.8.1941 Tod des Kleinkindes.

Die Familie Pauer stammte aus Graz, wo auch Helga zur Welt kam. Bei ihrer Hausgeburt kam es zu schweren Komplikationen, Gehirnschäden waren die Folge. Ing. Rudolf Pauer fand in den Flugzeugwerken Arbeit, worauf die Familie nach Wiener Neustadt in die WNF-Häuser in der Mießlgasse übersiedelte. Die Mutter kümmerte sich liebevoll um das behinderte Kind, „das meist, wenn es die Mutter erkannte, ein entzückendes Lächeln aufsetzte“.

Eingang Tötungspavillon heute

Eingang Tötungspavillon heute

Mit 18.8.1939 ist der Runderlass datiert, nach dem alle Hebammen und Kinderärzte behinderte Kinder dem zuständigen Reichs-ausschuss in Berlin zu melden hatten.

Mit knapp eineinhalb Jahren traten bei Helga Krampfzustände auf, und die Eltern suchten eine Kinderärztin auf. Diese schickte pflichtgemäß am 7.12.1940 einen Meldebogen nach Berlin ab. Die Diagnose darauf sprach dem Kleinkind jede Entwick-lungsfähigkeit ab.

Inzwischen war in der Klinik „Am Steinhof“ eine Kinderfachabteilungen einge-richtet worden – die zweitgrößte des Deutschen Reiches. Dazu wurden zwei Pavillons der Anstalt übernommen. Der Pavillon 15 war der „Mordpavillon“, in dem bis zum Kriegsende insgesamt fast 800 Kinder getötet wurden. Die Kinder wurden mit Medikamenten in einen zunehmenden Dämmerzustand versetzten, aus dem sie nicht mehr erwachten.

Im Juni 1941 wurde Helga über Veranlassung des Gesundheitsamtes zu Hause abgeholt. Über alles Weitere wurden die Eltern im Unklaren gelassen.

Am Spiegelgrund, Pavillon 15, machte Dr. Gross die Aufnahmeuntersuchung. Die Diagnose kam praktisch einem Todesurteil gleich.

Am 16. August 1941 schrieb Dr. Gross an den Vater von Helga: „Die gefertigte Anstaltsleitung bedauert, Sie in Kenntnis setzen zu müssen, daß Ihr Kind … Helga an schwerer toxischer Diphtherie erkrankt ist und mit dem Ableben des Kindes wohl zu rechnen sein dürfte.“ Am 18. August starb Helga Pauer.

Am darauffolgenden Tag bekam die Familie Pauer ein Telegramm mit der Todesnachricht. Die Mutter war zu jener Zeit mit der Schwester von Helga Pauer im sechsten Monat schwanger.

Für die Zustimmung zur Verlegung eines Stolpersteines für Helga Pauer schrieben wir ihre Schwester an, und bekamen unter anderem zur Antwort: „Ja, ich bin damit einverstanden – und ich danke Ihnen, dass Sie und Ihr Team es sich zur Aufgabe gemacht haben, an die Euthanasie-Opfer des Nationalsozialismus am Spiegelgrund zu erinnern.“

Als ich Fotos von der Verlegung des Steins schickte, schrieb sie unter anderem: „Jetzt nach fast 70 Jahren hat Helga – so sehe ich das – ihre Ruhe gefunden!“

Anton Blaha